Urin als Dünger: Warum ausgerechnet unsere Toilette helfen könnte, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen

Urin als Dünger: Warum ausgerechnet unsere Toilette helfen könnte, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen

Die meisten Menschen betrachten Urin als Abfall. Forschende in der Schweiz und Europa sehen darin jedoch etwas völlig anderes: einen wertvollen Rohstoff.

Tatsächlich enthält menschlicher Urin genau jene Nährstoffe, die Pflanzen zum Wachsen benötigen – insbesondere Stickstoff (N), Phosphor (P) und Kalium (K). Diese drei Elemente bilden die Grundlage praktisch aller modernen Düngemittel.

Gleichzeitig werden Dünger weltweit immer teurer, Rohstoffe knapper und die Landwirtschaft steht unter Druck, nachhaltiger zu werden.

Kein Wunder also, dass derzeit zahlreiche Forschungsprojekte daran arbeiten, Urin wieder in den natürlichen Nährstoffkreislauf zurückzuführen.

Warum Dünger heute ein wichtiges Thema ist

Ohne Dünger könnten die heutigen Erträge in der Landwirtschaft nicht erreicht werden.

Pflanzen benötigen vor allem:

  • Stickstoff (N)

  • Phosphor (P)

  • Kalium (K)

Diese drei Hauptnährstoffe finden sich sowohl in mineralischen Düngern als auch in menschlichem Urin.

Besonders Phosphor spielt eine zentrale Rolle.

Anders als Stickstoff kann Phosphor nicht künstlich aus der Luft gewonnen werden. Er stammt hauptsächlich aus Phosphatgestein, das in Minen abgebaut wird. Phosphor gilt deshalb als endliche Ressource, die für die weltweite Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar ist.

Warum Urin als Dünger Sinn macht

Was viele nicht wissen:

Obwohl Urin nur einen kleinen Teil unseres Abwassers ausmacht, enthält er einen Grossteil der Nährstoffe, die später in Kläranlagen aufwendig entfernt werden müssen.

Anstatt diese Nährstoffe mit hohem Energieaufwand aus dem Abwasser zu entfernen, könnten sie direkt wieder als Dünger genutzt werden.

Die Idee dahinter nennt sich Kreislaufwirtschaft:

Nährstoffe gelangen über Lebensmittel in den menschlichen Körper und anschliessend über den Urin zurück zu den Pflanzen.

Dadurch werden Ressourcen geschont und Nährstoffverluste reduziert.

Schweizer Forschung: Das VUNA-Projekt

Die Schweiz gehört weltweit zu den Vorreitern bei der Urinverwertung.

Das Forschungsprojekt VUNA wurde von der Eawag (Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz) durchgeführt.

Ziel war es, Nährstoffe aus Urin zurückzugewinnen und daraus marktfähigen Dünger herzustellen.

Aus dieser Forschung entstand später der Flüssigdünger "Aurin".

Aurin gilt als weltweit erster Urindünger mit vollständiger Zulassung der Schweizer Behörden und darf sogar für essbare Pflanzen eingesetzt werden.

Aktuelle Forschungsprojekte in Europa

Das Interesse an Urindünger wächst weiter.

Urine-NF (EU-Projekt)

Ein 2025 gestartetes EU-Projekt entwickelt Verfahren, um menschlichen Urin in moderne Nano-Düngemittel umzuwandeln. Ziel ist es, Nährstoffe effizienter nutzbar zu machen und den Einsatz konventioneller Dünger zu reduzieren.

Toopi-Regen

Dieses EU-Projekt nutzt menschlichen Urin zur Herstellung biologischer Pflanzenstimulanzien. Die Forschenden sehen darin eine Möglichkeit, Europas Abhängigkeit von mineralischen Düngern zu verringern.

P2GreeN

Im Projekt P2GreeN werden Nährstoffe aus Urin zurückgewonnen und zu Düngemittel-Pellets verarbeitet. Ziel ist eine stärkere regionale Kreislaufwirtschaft zwischen Städten und Landwirtschaft.

Kann man Urin direkt im Garten verwenden?

Ja – allerdings mit einigen Regeln.

Frischer Urin gesunder Menschen ist normalerweise nahezu keimfrei und enthält viele Pflanzennährstoffe.

Für den Hausgarten wird häufig empfohlen:

  • Urin mit Wasser verdünnen

  • nicht auf die Blätter sprühen

  • direkt auf den Boden ausbringen

  • nicht unmittelbar vor der Ernte anwenden

Besonders Starkzehrer profitieren von den enthaltenen Nährstoffen.

Welche Pflanzen mögen Urin als Dünger?

Vor allem Pflanzen mit hohem Stickstoffbedarf reagieren positiv auf verdünnten Urin.

Dazu gehören:

  • Tomaten

  • Kürbisse

  • Zucchini

  • Gurken

  • Kohlarten

  • Mais

  • Kartoffeln

  • Rhabarber

  • Beerensträucher

Weniger geeignet ist Urin für Pflanzen, die nährstoffarme Böden bevorzugen.

Dazu zählen beispielsweise:

  • Lavendel

  • Rosmarin

  • Thymian

  • viele Wildblumen

Welche Rolle spielen Trockentrenntoiletten?

Damit Urin als Ressource genutzt werden kann, muss er möglichst sauber getrennt gesammelt werden.

Genau hier kommen moderne Trockentrenntoiletten ins Spiel.

Sie trennen Urin und Feststoffe bereits beim Toilettengang.

Dadurch bleibt der Urin weitgehend unvermischt und kann deutlich einfacher weiterverwendet oder aufbereitet werden.

Viele der heutigen Forschungsprojekte basieren auf genau diesem Prinzip der Quelltrennung.

Fazit

Jahrzehntelang wurde Urin als Abfall betrachtet.

Heute sehen Forschende darin eine wertvolle Quelle für Stickstoff, Phosphor und Kalium. Gleichzeitig können endliche Rohstoffe geschont, Energie eingespart und Nährstoffkreisläufe geschlossen werden.

Die Schweiz nimmt mit Projekten wie VUNA und dem Urindünger Aurin international eine Vorreiterrolle ein. Parallel dazu investieren zahlreiche europäische Forschungsprojekte in die Entwicklung neuer Verfahren zur Rückgewinnung von Nährstoffen aus Urin.

Was heute noch ungewöhnlich klingt, könnte in Zukunft ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Landwirtschaft werden: Dünger direkt aus dem Kreislauf des Lebens.

 

Quellen: 


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